Remscheider General-Anzeiger, Artikel vom 27.11.2012

Jokebox: Mitreißende Show auch ohne opulente Deko und Kostüme

Bastian Hamacher

An der neuen Sängerin Jenny Rizzo fliegt das Debüt vor dem begeisterten heimischen Publikum wie im Rausch vorbei - ein Blick vor und hinter die Katt-Bühne. Es ist Halbzeit und die Akteure des Abends gehen einzeln die Holzplanken hinter dem Bühnenvorhang entlang. Langsam und tief atmend, die verschwitzten T-Shirts lüftend. Linker Hand hinter dem Vorhang steht ein uralter Kühlschrank, darin ein paar Flaschen Bier und Wasser.


Der neue Wirbelwind zwischen den gestandenen Saiten-Recken: Jenny Rizzo mit Gitarrist Peter Nica (links) und Bassist Jörg Kröck. Fotos (2): Hans Dieter Schmitz
Jedes Bandmitglied von Jokebox greift hinein und betritt die Katt-Garderobe. Durchatmen, Abklatschen, Kippe. Nur der Youngster der Truppe Ben Anhalt ist etwas aufgedreht.

Auf der Kühlschranktür prangt ein Aufkleber: "Superjeile Zick". Seit 21 Jahren sind Jokebox als Rock-Cover-Band unterwegs und Managerin Conny Windt ist nach wie vor persönlich begeistert von der Performance. Auch wenn sie unsicher fragt, wie die rund 700 Zuhörer im großen Saal der Katt drauf sind.

Am Samstagabend gaben Jokebox ihr traditionelles Jahresabschiedskonzert in Wermelskirchen. Und haben einige Neuerungen nach dem 20. Geburtstag eingeführt. "Das Bürgerzentrum konnten wir uns nicht mehr leisten", sagt Windt. Hohe Miete, Auflagen wie Security und Reinigungsmannschaften haben die Band in die ehemalige Fabrik an der Kattwinkelstraße getrieben.

Da passen sie sowieso besser hin. Unter Industrieglaskuppeln und Stahlträgern wirken die Songs von Amy Winehouse, AC/DC, John Lennon, Joe Cocker, Deep Purple oder JethroTull eh besser. Rote und grüne Spots wandern über die weißen Gasbetonwände und das Publikum lässt sich mitreißen: Augen zu und in der Erinnerung stöbern, Luftgitarre spielen, hüpfen und tanzen und aus voller Kehle die wohlbekannten Refrains mitsingen. Das Publikum ist in etwa so alt wie die Mitglieder der Band selber: zwischen 26 und Mitte 50.

Keine Aufregung herrscht hinter der Bühne zwischen den zwei rund zweistündigen Sets. Ein bisschen Hektik kommt auf, als Bandleader und Pater Familias Ralf Becker feststellt, dass er noch fünf Minuten zum Umziehen hat. Gitarrist Peter Nica und Schlagzeuger Victor Gonzalez debattieren da noch mit der Managerin die Attitüde der Band.

Gonzalez ärgert sich schon länger, dass keine Whiskey-Flaschen hinter der Bühne warten. "Du hast früher nicht mal ein Bier getrunken", entgegnet ihm Conny Windt und beißt in ein halbes Käsebrötchen vom Morgen. "Dafür aber ne Flasche Rotwein", kontert Gonzalez. Und Nica murmelt spitzbübisch etwas von "Mobiliar" und "zertrümmern".

"Das Bürgerzentrum
konnten wir uns
nicht mehr leisten"

Conny Windt, Managerin

Dabei liefert die Band Rock´n´Roll. Im Gegensatz zu früheren Jahresabschlusskonzerten fehlen in diesem Jahr die opulenten Bühnendekos und Kostüme. Conny Windt war schon als Krokodil und Pferd auf der Bühne, Lack und Leder haben die Frontleute Jeanne Altfeld und Ralf Becker getragen, der Schlagzeuger in einer Wolke aus Wassertropfen gesessen, als ihm ein Bandmitglied im Solo eine Flasche Wasser auf die Felle gegossen hat. Nichts davon gibt es heute.

Schon vor dem Ende des ersten Sets sitzen Neu-Sängerin Jenny Rizzo und der Flötist Ralf Herbert hinter der Bühne. Jenny ist 26, frühere Wettkampf-Tänzerin und erst seit September Sängerin bei Jokebox. Große Augen, brünetter Bob, zierlich und goldene Pumps. Herbert, 22, hat seine langen Blonden Haare unter einem schwarzen Kopftuch verborgen, der rot-blonde Bart um den Mund ist mehr als drei Tage alt, unter dem offenen Hemd prangt ein Manowar-T-Shirt.

Herbert spielt Flöte - Querflöte, irische Blech-Pipes, Dudelsack. Sein Vorbild: Schandmaul. Bei Jokebox spielt er seit bald zwei Jahren bei Bedarf die Flöte in "Down under" oder "Locomotive breath". Während die beiden gemeinsame Bekannte aus der Wermelskirchener Musikszene entdecken, schreckt Jenny hoch: "Muss ich nochmal raus?" Hektisch gehen ihre Augen, Herbert faltet die Setlist auf und beruhigt sie. "Schon vorbei das erste Set?", entgegnet sie.

Jenny hat ihre offizielle Vorstellung vor großem Publikum. Der Auftritt fliegt an ihr vorüber. Sie habe auf der Bühne gar nicht gemerkt, wie sie das Publikum zum Ausrasten gebracht hat, sagt sie. Die Show des Front-Trios ist nämlich eines der Markenzeichen der Band.

Altfeld und Rizzo sind ein ansprechender Anblick und haben tolle Stimmen. "Sie ist eine Süße und ein Wirbelwind auf der Bühne", befindet Jeanne Altfeld über die neue Kollegin. Egal ob Winehouse oder Nancy Sinatra, Frontgesang ist ihr beider Ding.

Eine Stimme wie Lee Hazlewood: Gastsänger Ben Anhalt.
Ben Anhalts Stimme lässt
Frauen unruhig werden


Den Co-Part zu "Summer Wine" hat übrigens der 15-Jährige Ben Anhalt gespielt. Er gibt beim Abschlusskonzert nicht nur mit Gitarre das Vorprogramm der Band, er spielt auch die Saxophon-Soli (das legendäre "Baker Street") oder übernimmt den Part von Lee Hazlewood. Und das mit einer Stimme, die den seligen Lee blass und die Frauen unruhig werden lässt.

Vor dem zweiten Set versammelt sich die Band hinter dem Vorhang. Becker in einem weißen Anzug mit weißem Hemd. Jeanne und Jenny haben sich in knappe Blusen und Hotpants geschmissen, checken den Sitz der Highheels und flankieren Becker. Schlagzeuger Gonzales zieht nochmal an der Kippe und trinkt sein Bier aus.

Conny Windt hat sich wieder unters Publikum gemischt. "Ich möchte immer wissen, was die Leute sagen." Ben Anhalt bleibt in der Garderobe, sitzt auf der Couch und probt seinen Klarinettenpart im zweiten Set. Nach zwei Stücken kommen Rizzo und Altfeld zurück, haben die Pumps in der Hand, die hatten schon den ersten Song nicht überstanden. Jetzt wechseln sie auch den Rest des Outfits.

Jeans und Shirt sind bequemer und helfen die Stimmen wirken zu lassen. Anhalt übt derweil seine Läufe und hilft Rizzo die Monitor-Kopfhörer im Rücken hoch zu fädeln. "Schnell, schnell, ich muss jetzt raus." Es wird noch mal hektisch bei den Neuen.