Remscheider-General-Anzeiger, Artikel vom: 02.04.2007

JOKEBOX: Wie gewohnt vor ausverkauftem Haus

Von Andreas Weber

Als der TV-Kanal MTV Anfang der 90er-Jahre mit Eric Clapton sein Unplugged-Konzept in die Welt setzte, glich die Aufnahme in den erlauchten Kreis einem Ritterschlag. Heute ziehen ungeheuer viele Musiker mal kurz den Stecker raus. Gleichwohl ist "Unplugged" geblieben, was es immer war: eine Herausforderung. Jokebox haben sich ihr gestellt. Wenngleich sie den Begriff nie wörtlich nahmen, ganz auf Strom wollten sie nicht verzichten.

Jokebox in Aktion Vor sechs Jahren rief der Dauerbrenner in der bergischen Coverrock-Szene in der Katt-Fabrik seine eigene Reihe ins Leben: "Jokebox unplugged". Eine Entscheidung, die den lobenswerten Willen der achtköpfigen Band dokumentierte, nie stehen zu bleiben, hart an sich zu arbeiten, etwas Neues zu wagen.

Der Mut wurde mit dem Maximum belohnt: Die aufwändigen Doppelkonzerte im Frühjahr füllen stets den kleinen Saal. Insgesamt zwölf sind es seit dem letzten Wochenende, allesamt ausverkauft. Stets folgten knapp 300 Besucher dem ungewöhnlichen Erlebnis.

Auch dieses Mal wurde deutlich, dass die andere, eher besinnliche Seite von Jokebox längst ein nicht mehr wegzudenkendes Standbein geworden ist. Das liegt an den zusätzlichen Streichern, der Instrumentierung, der Titelauswahl, dem intimen Ambiente, der Enge, dem hautnahen Miteinander. Ein Rahmen, für den Jokebox nicht Lederhose oder Jeans wählen, sondern den Anzug.

Gilt sonst "Band oben, Publikum unten" ist diese Trennung bei "Jokebox unplugged" aufgehoben, gar umgedreht. Die Bühne ist in der Mitte des Saales platziert, drumherum ordnen sich Stühle und Sitzplätze an.

Viele Fans schauen auf Jokebox herab. Eine einmalige Perspektive, angereichert durch flackernde Kerzen.

"Unplugged" heißt auch eine für Rockkonzerte himmlische Ruhe. Jede umkippende Mineralwasserpulle wird irritiert wie ein Donnerhall wahrgenommen. Jokebox ließen sich in ihrer 26 Stücke umfassenden Programm gewohnt viel einfallen. Ihr "Unplugged" unterscheidet sich eh von ihrem normalen Repertoire, wird aber auch jedes Jahr umgestellt.

So wurde Frontmann Ralf Becker, am 19. März 50 Jahre alt geworden, ein nachträgliches Geburtstagsgeschenk bereitet. Für den beinharten Fan der britischen Sängerin Judy Tzuke gab es ihr "Stay with me till dawn". Bislang hatte sich die Band dagegen gesträubt, diesmal war die Ballade dabei.

Managerin Conny Windt, die Elton John verehrt, wurde "Sorry seems to be the hardest word" gewidmet.

Die romantischen Songs wie "One love" (U 2), "Bridge over troubled water" (Simon & Garfunkel), "Dust in the wind" (Kansas) oder die Vorzeigenummer sentimentaler Metaller, "Nothing else matters", standen im Vordergrund. Aber eben nicht nur. Texas Lightning endeten beim Grand Prix 2006 in Athen mit ihrem "No no never" im hintersten Mittelfeld, in Wermelskirchen wurde der Country-Feger von der ersten Sekunde begeistert mit einem Klatschmarsch angetrieben.

Jokebox ließen aber auch in "Rama lama ding dong" steinalten Rock'n'Roll raushängen oder drückten in einem toll arrangierten "Roll over Beethoven" auf die Tube, befeuert vom Streicherensemble (Angela Burkhard, Kristina Hellwig, Annelie Hemmerich, Almut Zieris, Rebecca Gilger, Dieter Wieland plus Perkussionist Andreas Brunk), das Musikschulleiter Alfred Karnowka mit hohem Zeitaufwand wie immer bestens präpariert hatte.

Enormes leistete im Vorfeld beim Einstudieren auch Keyboarder Peter Schlett. Es gab viel und anhaltenden Beifall für eine Band, die nicht abspulte, sondern ihrem Publikum überlegt permanent Abwechselung offerierte. "Hotel California" wartete mit fünf Gitarristen auf. In Billy Joels melancholischem "Piano man" führte Ralf Becker eingangs nicht nur der deutschen Übersetzung des Textes ein, sondern griff - erstmals - zur Mundarmonika.

Zu den Stärken von Jokebox zählt seit jeher der (Satz-) Gesang. Vorneweg Jeanne Altfeld, die einem sofort Tori Amos in den Kopf schießen ließ, selbst wenn man deren Stück "Cornflake girl" bis dato noch nicht gehört hatte. Zu dem Trio am Mikro mit Becker, Altfeld, Andrea Wolter gesellte sich auch Gitarrist Dirk Mies. Selbst Schlagzeuger Jens Mayland durfte mit einer Strophe bei "Dancing Queen" ran.

Kaum Platz blieb auf der Bühne, aber genug, damit sich Ralf Becker seinen Weg zwischen Leibern, Hockern, Backline, Wasserflaschen, Kabeln und auf dem Boden verstreuten Setlisten bahnen konnte, um bei "Sex bomb" den rastlosen Tiger zu geben.